Faszination Pferd - Die Arbeit am Boden

"Frag mich nach der Poesie

                                 in der Bewegung, Schönheit,

         Intelligenz und Kraft,

                         und ich zeige dir

                                    ein Pferd."

                                                                         -ohne Vefasser-

Pferde sind wunderbare, eindrucksvolle Wesen. Wenn Ihr euch über unsere Trainingsphilosophie informiert habt, dann wisst Ihr, dass uns das Pferd als Partner sehr wichtig ist.

Was ist Bodenarbeit?

Als Bodenarbeit kann man erst einmal die allgemeine Arbeit mit dem Pferd am Boden bezeichnen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, das Pferd vom Boden aus zu beschäftigen und zu trainieren. So wussten schon die Lehrmeister der alten klassischen Reitkunst um die Vorzüge und Wichtigkeit der Arbeit z. B. an der Hand, am Langzügel oder an der Doppellonge für die Gymnastizierung des Pferdes.

Heute findet man in der klassisch englischen Reiterei vor allem das Longieren, oft auf Trense mit sog. Hilfszügeln, die den Pferdekopf in die richtige Position bringen, als haüfig einzige Art der "Arbeit von unten".

In den letzten Jahren hat sich eine weitere Form der Bodenarbeit entwickelt, die sich nicht nur auf das physische Training und die Gymnastizierung des Tieres konzentriert, sondern seinen  Schwerpunkt in der Kommunikation mit dem Pferd in seiner Sprache hat und darauf abzielt, es zu verstehen und als Freund und Partner zu gewinnen. Der Ausbilder macht sich dabei die natürlichen Verhaltensweisen und Instinkte des Pferdes zunutze, um es zu trainieren und zu gymnastizieren. Auf Grundlage der nonverbalen Signale aus der "Pferdesprache" geht der Mensch einen Dialog mit dem Pferd ein, in dem seine Bedürfnisse und Charaktereigenschaften berücksichtigt werden und zwischen beiden eine vertrauensvolle Partnerschaft entstehen kann, in der der Mensch die Rolle des Leittieres einnimmt.

Im Folgenden stellen wir euch verschiedene Formen der Bodenarbeit aus diesen beiden Bereichen vor.

Die Ausbildung des Pferdes an den "langen Leinen"

Schauen wir uns einmal die Arbeit am Boden als Teil der dressurmäßigen Ausbildung des Pferdes genauer an. Sie reicht weit in die Geschichte der klassischen Reitkunst zurück. Schon die französischen Reitmeister unter König Ludwig XIII. haben die Arbeit mit den  doppelten Pilaren (ähnlich der heutigen Doppellonge) in die Ausbildung der Pferde am königlichen Schulstall mit einfließen lassen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Arbeit an der Doppellonge weiter eingesetzt und von dem französischen Reitmeister F. Robichon de La Guérinière wesentlich geprägt.

Bei der Arbeit an der Doppellonge werden zwei lange Leinen erst im Kappzaum, später in der Trense des Pferdes eingehängt, durch die Ringe des Longiergurtes geführt und laufen schließlich in den Händen des Ausbilders zusammen. Diese Form der Arbeit ist etwas schwieriger als die Arbeit an der normalen Longe, jedoch bietet sie einen entscheidenden Vorteil: Dadurch, dass man "von beiden Seiten" auf das Pferd einwirken kann, lässt sich Stellung und Biegung gut erarbeiten und die Hilfen können feiner und besser gegeben werden.  

Das Arbeiten an den doppelten Pilaren wurde dazu genutzt, um das Pferd zu gymnastizieren und Vertrauen aufzubauen. Es konnte so die gelernten Übungen, vor allem die der hohen Schule wie Piaffe, Pesade, Levade und eine Reihe von Schulsprüngen, verbessern und sie ohne das Reitergewicht weiter verfeinern und präsentieren. Überdies verlangt diese Arbeit auch vom Ausbilder einiges an Erfahrung und Geschick und wird deshalb nicht umsonst als "Königsdisziplin der Reiterei" bezeichnet.

Die gymnastizierende Dressurarbeit an der Doppellonge, an der Hand und am langen Zügel waren früher und ist auch heute noch ein elementarer Bestandteil der klassischen und barocken Reitkunst, jedoch ist ihre Anwendung stark zurück gegangen. In der heutigen in Deutschland weit verbreiteten englischen Sportreiterei, die sich an den Richtlinien der FN orientiert, findet man diese Art der Ausbildung kaum noch. Das Training des Pferdes an der Longe mit Hilfszügeln hat sich, so zum Beispiel auch im Voltigiersport, durchgesetzt.

Longieren

Neben der klassischen Form des Longierens heute, das Pferd läuft aufgetrenst und mit Hilfszügeln ausgestattet auf dem Zirkel um den in der Mitte stehenden Ausbilder herum, kamen in den letzten Jahren auch neue "Innovationen" auf, die das Training etwas anders gestalten.

Ein Beispiel dafür ist das Rückentraining durch Longieren am Kappzaum, ohne Ausbindezügel. Das Pferd wird gymnastiziert, indem es lernt, sich selbst zu tragen, also nicht mit Hilfszügeln in eine bestimmte Position gebracht wird. Erreicht wird dies durch abwechslungsreiches Training mit Stangen und Pylonen sowie vielen Richtungswechseln. So ist zum Beispiel die Arbeitsform "Equkinetic" von Michael Geitner aufgebaut.

Longieren im Voltigiersport

Kommunikation - Eine WhatsApp ans Pferd...?

Freiarbeit, Natural Horsemanship, Join-Up Methode nach Moty Roberts,...

Sie alle haben eins gemeinsam:

 

...Nein, keine Magie.

 

 

Pferdeflüsterei!

Genau, das ist es. Zumindest wissen die meisten Leute bei diesem Begriff, was ungfähr gemeint ist, jedoch können sich die Wenigsten etwas genaueres darunter vorstellen oder wissen gar, wie es funktioniert. Deshalb gibt es das Wort "Pferdeflüsterei" wahrscheinlich auch, obwohl diese Form der Arbeit mit Flüstern nichts zutun hat. Es steht also niemand auf dem Reitplatz und flüstert dem Pferd etwas ins Ohr. Jedoch ist es auch eine Sprache, die "leise" gesprochen wird, da sie auf Mimik und Körpergestik basiert. So kommunizieren Pferde auf der Weide in der Herde, im Stall, und auch mit uns Menschen. Das ist auch der Grund, warum es so oft Probleme zwischen Pferd und Mensch gibt, oder anders gesagt, warum Pferde oft nicht das tun, was wir von ihnen möchten; weil wir mit unserem Körper etwas ganz anderes ausdrücken, als wir eigentlich beabsichtigt haben. Wir sind, wie Georg August Schulte Quarterkamp vom westfälischen Landgestüt Warendorf bei einem Auftritt mit Kaltbluthengst Hurrican mal gesagt hat, "Körpersprachenanalphabeten". Und mit sowas muss ein Pferd erstmal klar kommen. Denn habt ihr schon einmal einem Chinesen, ohne die Hilfe von Internet, Dolmetscher oder Wörterbuch, das Deutsch Sprechen bei gebracht? 

 


Georg August Schulte Quarterkamp mit Hengst "Hurrican" bei einer Vorführung auf dem Landgestüt Warendorf; Ein Muss für alle, die mal wissen möchten, aus welchen Augen das Pferd den Reiter sieht!;)

Horse Agility und Clickertraining

Vielleicht kennen einige von Ihnen diese Sportart für Hunde - Dog Agility. Man läuft mit seinem vierpfotigen Freund frei einen Parcours aus verschieden Hindernissen und für gute Leistungen bekommt der Hund eine Belohnung. Horse Agility funktioniert eigentlich nicht viel anders. Das Pferd läuft frei neben seinem Menschen her und bewältigt verschiedene Aufgaben oder Hindernisse, zum Beispiel einen Flattervorhang, eine Wippe oder einen Sprung. Nicht umsonst heißt diese Pferdesportart Agility - Die Flinkheit oder Beweglichkeit.

Mit fortschreitender Erfahrung kann der Parcours im Trab oder sogar (wer schnell genug ist, um mit seinem Pferd mit zu halten) im Galopp bewältigt werden. Das Training kann durch die vielen Parcours-Möglichkeiten sehr abwechslungsreich gestaltet und somit auf die körperlichen und geistigen Fähigkeiten jedes Pferdes angepasst werden.

Alles Zirkus!

Als Zirkuslektionen werden meistens allgemein alle Tricks und Kunststücke bezeichnet, die man einem Pferd beibringen kann, eben wie im Zirkus. Dort dient das Einstudieren von Kunststücken mit Tieren der Belustigung des Publikums und hat vor allem einen Showeffekt. Doch auch immer mehr Privatreiter bringen ihren Pferden seltsame Übungen gezielt bei, ohne damit bei einer Aufführung glänzen zu wollen. Zirkuslektionen haben nämlich auch, richtig ausgeführt, einen gymnastizierenden Effekt, da sie bestimmte Muskelgruppen stärken und dehnen. Ein Pferd, welches das sogenannte Kompliment ausführt (Foto rechts) kann man also durchaus mit einem Menschen vergleichen, der einen Spagat kann.

Nicht zuletzt stärken gerade Übungen wie das Hinlegen das Vertrauen zwischen Mensch und Vierbeiner.

 

Es gibt einen ganzen Haufen guter Literatur von erfahrenen Trainern darüber, wie man mit welchem Pferd bestimmte Lektionen erarbeitet. Schaut einfach mal unten bei den Links und meinen ganz persönlichen Bücher-Favoriten!


Zusammen frei!

Die freie Arbeit mit dem Pferd fasziniert mich persönlich aus einem ganz einfachen Grund: Die Partnerschaft. Das Pferd kann sich mit in die Arbeit einbringen und seinen Charakter frei zeigen, z. B. wenn es beim Spielen anfängt, übermütig zu buckeln und herum zu springen und so zeigt, dass es Spaß hat an der Arbeit.

Ich erhalte immer sofort eine blanke, ehrliche und manchmal auch knallharte Rückmeldung über das, was ich gerade tue. Die Beziehung zu meinem Pferd wird einmal mehr auf die Probe gestellt. Denn wenn ich etwas falsch mache oder mich ungerecht verhalte, reagiert das Pferd sofort, indem es z. B. einfach weg geht. Setzte ich meine Körpersprache nicht richtig ein und "erkläre" ihm nicht richtig, was ich von ihm möchte, zeigt mir das Pferd deutlich, dass es mich nicht versteht und die geplante Übung klappt nicht.

Beim Reiten oder Longieren, mit Sattel, Trense und Zügeln ausgestattet, unterdrücke ich mehr oder weniger die Reaktion des Pferdes. So kann es mir nur eingeschränkt Rückmeldung über mein Verhalten geben. Ist es jedoch frei, kann es uneingeschränkt reagieren, vor allem dann, wenn ich mich falsch verhalte. In der Freiarbeit habe ich kein Seil, mit dem ich es fest halten kann, wenn es weg gehen will, keinen Schenkel, mit dem ich ein seitliches Ausweichen verhindern kann, kein Trensengebiss, an dem ich rucken kann, wenn das Pferd nicht auf den Hänger gehen will. Wenn ich all diese Hilfsmittel ablege, dann bleibt zwischen mir und meinem Pferd nur noch eins: Das Vertrauen. Ein Band, welches über lange Zeit geknüpft werden muss, und nur ein kleiner Fehler genügt, um es zu zertrennen. Einmal überlastet, reißt es und es ist aufwendig und dauert lange, dieses Seil wieder zu reparieren.

Doch wenn es lang und dick genug ist, dann ist es stabiler als jeder Strick, kräftiger als jeder Schenkel und wirkungsvoller als jede Trense.

Meine Bücher-Favoriten und Pferdetrainer, die ich empfehlen kann:

Bücher:

  • Bea Borelles Zirkusschule - Bea Borelle
  • Zwischen Freiheit und Dressur - Zirkuslektionen als Weg zur vertrauensvollen

       Partnerschaft von Karin Tillisch

  • Agility mit Pferden von Nina Steigerwald; auch wenn es nicht jedermanns Sache ist, das Pferd mit dem Clicker und Futterlob zu arbeiten, so lernt man in diesem Buch doch sehr viel über das Lernverhalten und die "Trainingspsychologie" von Pferden!
  • Horse, follow closely! Ein überaus interessantes Buch von GaWaNi Pony Boy mit    Unterstützung von Pferdefotografin Gabriele Boiselle, in dem es um indianisches Pferdetraining nach den Prinzipien, Grundsätzen und Gedanken der alten Indianerstämme geht. Es ist auf jeden Fall empfehlenswert,  nach vielen der dort geschilderten Vorstellungen der Indianer sollten meiner Meinung nach alle Menschen ihr alltägliches Handeln richten, dann wäre unsere Welt ein besserer Ort!
  • Hohe Schule mit der Doppellonge von Philippe Karl. Er war lange Zeit als Ausbilder an der Cadre Noir in Saumur tätig, eine sehr alte,  frühere Militärschule. Heute werden dort Pferde nach den Prinzipien der klassischen Reitkunst bis in die hohe Schule ausgebildet. Philippe Karl ist außerdem Begründer und Trainer der "École de Légèrté", der "Schule der Leichtigkeit".
  • Monty Robert`s Die Sprache der Pferde; Ein Buch vom wohl berühmtesten "Pferdeflüsterer" aller Zeiten, der durch jahrelanges Beobachten der Pferde in der Herde in ihrer natürlichen Umgebung die "Pferdesprache" erforscht und einen wesentlichen Teil seiner Entdeckungen hier nieder geschrieben hat.

Trainer:

Es gibt so unglaublich viele, sehr gute und auch schlechte Trainer allein in Deutschland, die ich hier lange nicht alle auflisten kann. Jeder hat eigene Prinzipien und Vorstellungen, nach denen er sein individuelles Handeln mit dem Pferd ausrichtet, doch im Endeffekt arbeiten sie alle gleich: Sie nutzen die Kommunikation der Pferde. Und die ist überall gleich.

Hier eine kleine Auswahl an meiner Meinung nach sehenswerten Trainern und deren Methoden:

  • Philippe Karl und die Ideen der "École de Légèrté"
  • Bea Borelle und ihr Zirkuspony Ben
  • Monty Roberts und die Join-Up Methode
  • Karin Tillisch mit ihrem Wissen über persischen Pferdetanz
  • Kenzie Dysli, die sich in dern Freiheitsdressur mit ihren vierbeinigen Ostwind-Stars einen Namen gemacht hat
  • Tanja Riedinger mit ihrer Stute Estella

Wer sich hinter "mir" verbirgt

"Ich" bin ausnahmsweise mal nicht Otto, sondern seine zweibeinige Stallkollegin Amelie:)

Im Herbst 2015 habe ich Anne und ihre Pferde kennengelernt, seither bin ich dem Pferdevirus voll und ganz verfallen. Ich helfe Montags und Dienstags beim Voltigiertraining, zusätzlich bin ich noch zwei bis dreimal die Woche am Stall und arbeite mit den Pferden. Besonders Otto hatte es mir damals sehr angetan. Da ich ihn aufgrund seiner Größe und mangels meiner Fähigkeiten nicht reiten kann, musste ich mir einen anderen Weg suchen, ihn zu trainieren und zu beschäftigen. Dabei war mir von vornherein, wie es auch für Anne und Julie selbstverständlich ist, ein pferdefreundlicher Umgang sehr wichtig. So bin ich zur Bodenarbeit in ihren verschiedensten Varianten gekommen. Wir haben klein angefangen, da ich mich auf diesem Gebiet nicht auskannte und mich erstmal, bei Anne, in Büchern und bei verschiedenen Pferdetrainern auf Messen und Shows schlau machen musste. Aber wir haben zusammen immer wieder Fortschritte gemacht und aus Fehlern gelernt.

Im letzten Jahr hat sich meine Beziehung zu ihm durch die freie Arbeit und Zirkuslektionen enorm verbessert und wir sind mittlerweile ein gutes Team geworden:)